92 Prozent der Deutschen für Sperrungen im Internet – ehrlich?

Von am 17. Mai 2009 4 Kommentare 

petition-internetDie “Deutsche Kinderhilfe” ließ dieses Ergebnis einer Meinungsumfrage exklusiv in einer Sonntagszeitung verkünden. Zweifel kommen auf an den ehrlichen Motiven dieses Vereins, der vom Deutschen Spendenrat ausgeschlossen wurde aufgrund “wirtschaftlicher Interessenkonflikte” und einer “Verschleierung von Interessenlagen und Zusammenhängen”.

Der Vorstoß für Internet-Sperren, um technische Grundlagen für beliebige erweiterbare Internetzensur zu schaffen, wird gerne mit dem Totschlag-Argument Kinderpornographie begründet. Neben “Zensursula” von der Leyen schiebt sich sich ein Verein in den Vordergrund, der sich Deutsche Kinderhilfe nennt. Der ließ eine Meinungsumfrage durchführen und exklusiv in Springers Welt am Sonntag verkünden, 92 Prozent der Befragten seien für Internet-Sperren, während sich nur sieben Prozent dagegen aussprachen.

Fragt sich natürlich wie bei allen Meinungsumfragen, wie die Frage gestellt wurde, um “das erstaunlich klare Ergebnis” zu bekommen, das der Zeitung “exklusiv” vorliege. Den Angaben zufolge gaben 92 Prozent der Befragten an, für eine Sperrung “einschlägiger” Seiten im Internet zu sein. 84 Prozent “stimmten” für Kontrolle und Sperrung bestimmter strafbarer Inhalte durch den Staat, neun Prozent für ein völlig freies Internet, fünf Prozent machten keine Angabe.

Ein publizistischer Gegenschlag, um die erfolgreiche Online-Petition gegen Indizierung und Sperrung von Internetseiten als vergebliche Minderheitenposition erscheinen zu lassen? Zweifel bestehen nicht nur hinsichtlich dieser Umfrage, sie wurden vielmehr schon länger an der Ehrlichkeit der Auftraggeber laut.

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“Internet-Liebhaber, Blogger, Minderheit”

Über die Online-Petition, die bereits 84.000 Unterschriften sammelte, um den Weg in die Zensur zu verhindern, ließ sich Vereinschef Georg Ehrmann angesichts von angeblich 92 Prozent Zustimmung herablassend aus:

“”Das Ergebnis der Umfrage bestätigt meinen Eindruck, dass es sich bei den Unterschreibern der Online-Petition um Internet-Liebhaber, Blogger, im Grunde also um eine Minderheit handelt – wenn auch eine gut organisierte.”

Das kommt jetzt vom Chef einer Organisation, die vom Deutschen Spendenrat ausgeschlossen wurde, nachdem ihr Intransparenz bei der Verwendung von Fördermitteln vorgeworfen wurde. Die umstrittene Organisation versucht sich neben dem Deutschen Kinderschutzbund zu etablieren und setzt dabei auf eine lautstarke Kampagne für Internetsperren, die in den nächsten Tagen mit einer Unterschriftensammlung fortgesetzt werden soll.

In ihrer exklusiven Jubelmeldung “92 Prozent der Deutschen für Sperrungen im Internet” vergisst Springers WamS die dubiosen Hintergründe der Deutschen Kinderhilfe zu erwähnen. Dabei hätten sie im eigenen Blatt mehr darüber erfahren können, in dem letztes Jahr noch über diesen Verein als Sündenfall im Spendenwesen berichtet wurde: “Die Verstrickungen der Organisation werden immer dubioser, wie Welt Online herausgefunden hat.”

Update: Die gezielt in ein nachrichtenarmes Wochenende geschossene “Exklusivmeldung” platzierte sich über dpa in rund 100 Publikationen. Tageszeitungen und andere Publikationen gaben das Umfrageergebnis weiter, ohne es in Frage zu stellen, obwohl nur plakative Ergebnisse mitgeteilt wurden, ohne die Fragestellung zu verraten.

Nach dem Zweck der Übung wurde schon gar nicht gefragt. Eine kritische Auseinandersetzung fand nicht in “journalistischen” Medien, sondern fast nur in Blogs statt wie etwa im Spreeblick Johnny Haeuslers, der sich wie gewohnt nichts vormachen ließ.

(bk)

Screenshot: Deutscher Bundestag Petitionen

Zum Thema im Web:

Petition: Internet – Keine Indizierung und Sperrung von Internetseiten

Welt am Sonntag

Deutscher Spendenrat schließt Kinderhilfe aus

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Kommentare

4 Stellungnahmen zu “92 Prozent der Deutschen für Sperrungen im Internet – ehrlich?”
  1. P_Heirich sagt:

    Die Deutsche Kinderhilfe wurde nicht nur ausgeschlossen, sondern hat ausweislich ihrer eigenen Pressemitteilung 207 die man
    über “Deutsche Kinderhilfe Abmahnungen” ergoogeln kann (Google Cache-Capture), die “Konkurrenz” mit einer Abmahnwelle überzogen.

    Falls deren Server irgenwann mal wieder online geht (für Kompetenz in Internetfragen spricht es nicht gerade, wenn man offenbar kein Backup hat) lohnen sich die Pressemeldungen

    238, (da will die Deutsche Kinderhilfe schwangere Frauen bestrafen, wenn diese während der Schwangerschaft rauchen oder Alkohol trinken)

    220 und 52, (da sollen die Eltern dicker Kinder als erziehungs-unfähig erklärt werden und das Jugendamt soll einschreiten)

    und (mein Hit) 270 (da wird die Super Nanny von RTL als geeignete Erziehungsberatung für alle Eltern empfohlen).

  2. tv.dresden sagt:

    Die Deutsche Kinderhilfe ist anti-japanisch. Daher erklärt sich der Haß auf Schulmädchen-Sex.

  3. Bundschuh sagt:

    Ich halte es durchaus für realistisch, daß 92% der Deutschen für Zensur sind, weil sich die allermeisten Menschen gar nicht mit der erforderlichen Intensität mit dem Thema auseinandergesetzt haben, die für eine qualifizierte Meinungsbildung erforderlich gewesen wäre.

    Würde man die Umfrage zum Thema Steuersenkungen machen, käme wohl dasselbe Ergebnis heraus. Die deutsche Kinderhilfe kritisiert die Unterzeichner der Petition und behauptet, es handele sich um eine Minderheit. Letzteres stimmt wohl. Aber diejenigen, die sich an der Petition beteiligt haben, haben sich mit dem Thema auseinandergesetzt und man darf annehmen, daß sie sich mehrheitlich sehr gut mit dem Internet und der dahinterstehenden Technik auskennen.

    Die Unterzeichner der Online-Petition mögen eine Minderheit sein. Es ist aber im Vergleich zur Umfrage der deutschen Kinderhilfe eine höchst qualifizierte Minderheit. Leider interessiert das die Bundesregierung nicht.

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