Affäre um iPhone-Prototyp: Apple schickte die Polizei

Von am 15. Mai 2010  

Ermittlungsakten teilweise veröffentlicht

Ist das noch wahr oder schon eine TV-Serie? Ein Apple-Mitarbeiter lässt einen iPhone-Prototyp in einer kalifornischen Kneipe liegen, die deutsches Bier ausschenkt, weitere Prototypen tauchen von hier bis nach Vietnam auf. Eine für High-Tech-Verbrechen aufgestellte Polizeieinheit dringt gewaltsam in das Haus eines Blogredakteurs ein, dessen Publikation Bilder des Geräts veröffentlicht hatte, und schleppt seine Computer, Festplatten, Digitalkameras, Handys und eine Menge mehr ab, während er mit seiner Frau beim Essen ist. Sie nehmen sogar ein iPad und eine Schachtel mit Visitenkarten mit, wie die amtliche Aufstellung der beschlagnahmten Gegenstände später ausweist. Es bringt Apple ungewohnt schlechte Presse ein. Die Affäre läuft unter „Gizmodogate“, der TV-Satiriker Jon Stewart nennt Steve Jobs und die Seinen „Appholes“.

Apple im Lenkungsausschuss der Task Force

Es ist nicht nur wahr, vielmehr bestätigt sich der schon länger schwelende Verdacht, dass Apple die Ermittler beeinflusste. Aus dem von einem Mitarbeiter im Suff verlorenen Prototypen konstruierte Apple schwerste Kriminalität, um die Task Force REACT (Rapid Enforcement Allied Computer Team) in Bewegung zu setzen. Die Partnerschaft von 17 Ermittlungsbehörden wurde 1997 gegründet zur Abwehr „neuer Formen von Verbrechen“ und ist eng verbunden mit der „zunehmend Computer-orientierten Wirtschaft Kaliforniens“. Unter den 25 Unternehmen, die im „Lenkungsausschuss“ von REACT mitbestimmen, ist auch Apple.

Die Veröffentlichung der Ermittlungsakten wurde zunächst vollständig untersagt, ihre zumindest teilweise Veröffentlichung musste eingeklagt werden. Aus ihnen geht hervor, dass sich der ermittelnde Detektiv Matthew Broad mit hochrangigen Apple-Mitarbeitern traf, darunter Chefjustiziar Bruce Sewell und Rick Orloff („Director, Information Security“) – obwohl nur vage von einem „gefundenen oder gestohlenen Prototyp iPhone 4G“ die Rede ist.

„Unschätzbarer Wert – nicht zu beziffern“

Der sich als technisch versiert ausweisende Beamte („Ich erhielt ungefähr 480 Stunden spezialisiertes Training in der Bewahrung und Untersuchung digitaler und computerbezogener Beweismittel“) berichtet in einer zehn Seiten langen Versicherung an Eides Statt (PDF), die dem Durchsuchungsbeschluss zugrunde liegt, von der dramatisierten Darstellung durch den ebenfalls anwesenden Apple-Anwalt George Riley:

„Riley erklärte, dass die Veröffentlichung des Geräts und seiner Features ungemein schädigend sei für Apple. Die veröffentlichten Details über das Mobiltelefon und seine Features schaden den Verkäufen aktueller Apple-Produkte, da Personen, die ansonsten ein gegenwärtig vorhandenes Apple-Produkt kaufen würden, auf die Markteinführung des nächsten Modells warten, was wiederum den Umsätzen insgesamt schadet und die Gewinne Apples negativ beeinflusst. Riley erklärte, er könne derzeit keine Schadenssumme nennen, aber er halte sie für ‚gewaltig‘.
Ich fragte Riley nach dem Wert des vermissten iPhones. Er erklärte, es sei von unschätzbarem Wert, den er nicht mit einem Betrag beziffern könne. Wir sprachen über die Tatsache, dass das Mobiltelefon durch den Verdächtigen Hogan für 8.500 US-Dollar verkauft wurde … und ich fragte, ob das Telefon mindestens diesen Betrag wert sei. Riley bejahte es.“

Hier spricht Steve Jobs

Aus dem Bericht des Beamten geht weiter hervor, dass sich Apple-CEO Steve Jobs in Sachen Prototyp höchstpersönlich an den Chef von Gizmodo.com wandte und die Rückgabe verlangte. Brian Lam sagte es zu, sofern Apple schriftlich bestätige, dass es das echte Ding ist und wirklich von Apple kommt. Er begründete es in einem sehr gewitzten Schreiben unter anderem damit, nicht selbst in den Verdacht geraten zu wollen, mit dem Leak an einer koordinierten PR-Aktion von Apple teilgenommen zu haben – und diese Vermutung sollte tatsächlich aufkommen. Er beklagte sich weiterhin über die Apple-PR, die lieber mit pflegeleichten Journalisten wie Walt Mossberg und David Pogue umgeht und weniger Apple-nahe Publikationen von Informationen wie Testgeräten ausschließt – das zwinge dazu, Geschichten wie diese aggressiv zu verfolgen.

Die schriftliche Bestätigung Apples kam, das Gerät ging zurück. Jason Chen stand dennoch ein paar Tage später vor seinem Haus, das von den durch Apple angefeuerten Ermittlern aufgebrochen wurde. Obwohl der Finder des iPhones den Ermittlern längst bekannt war, es keinen konkreten Verdacht gegen den Redakteur des Tech-Blogs gab, das iPhone aller Wahrscheinlichkeit nach verloren und nicht gestohlen wurde, zudem der ihm zustehende Quellenschutz als Journalist einfach übergangen wurde.

Mitbewohner denunziert – aus Angst vor Apple

Noch ein pikantes Detail aus den Ermittlungsakten: Den Finder des iPhones, der es meistbietend verschiedenen Tech-Blogs anbot, verriet seine Mitbewohnerin Katherine Martinson – und das aus Angst vor Apple. Brian Hogan hatte das iPhone mit ihrem Notebook verbunden, weil er hoffte, es wieder in Betrieb zu können, nachdem es von Apple aus der Ferne abgeschaltet wurde.

Sie war überzeugt, Apple könnte daher ihre IP-Adresse und darüber sie selbst ermitteln. Sie reagierte aus Furcht, wie es der ermittelnde Detektiv beschrieb: „Sie kontaktierte daher Apple, um sich selbst von krimineller Verantwortung zu entbinden.“

Abbildung: Annie Bannanie 09 / CC

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