“Deutsche Politiker schlagen ihre kleinlichen parteilichen Vorteile aus der drohenden Atomkatastrophe” – Wirtschaftswoche

Von am 27. März 2011 1 Kommentar 

Die “tiefe Scham” eines Chefredakteurs

Liebe japanische Freunde,

ich möchte mich hiermit für Roland Tichy entschuldigen, den Chefredakteur des Magazins Wirtschaftswoche. Er hat in durchsichtiger und unhöflicher Weise versucht, aus der Katastrophe in Japan politisches Kapital zu schlagen. In einem Leitartikel mit der Überschrift “Liebe japanische Freunde” nimmt er die Erdbebenkatastrophe in Japan zum Anlass, seine innenpolitischen Auffassungen zu deklamieren.

Aus den grauen Textzeilen Roland Tichys ist nicht zu ersehen, wie rot er wird in seiner “tiefen Scham”. Sein rhetorischer Rundumschlag läuft darauf hinaus, dass alle in Deutschland zu schweigen haben angesichts einer sich anbahnenden Atomkatastrophe und schon gar nicht über Konsequenzen auch für deutsche Atomreaktoren nachdenken dürfen. Wer nicht schweigt, macht sich in den Augen Tichys schuldig: “Deutsche Politiker schlagen ihre kleinlichen parteilichen Vorteile aus der drohenden Atomkatastrophe.”

Sich jetzt kritisch auch mit deutscher Atompolitik auseinanderzusetzen, führt laut Tichy zum “Tanzen auf den Gräbern noch nicht gefundener Toter”, während die “Opfer vergessen” werden. In gewundener Logik folgt daraus: “Wir führen uns auf wie ungezogene Kinder, egoistisch, egozentrisch und vor allem: herzlos.”

Nochmal zum Mitdenken: Eine Atomkatastrophe darf nicht etwa Anlass zum lauten Nachdenken über Atomwirtschaft und Atompolitik sein. Es wäre vielmehr herzlos in der Lesart dieses Chefredakteurs. Er wendet sich in einem Leitartikel auch noch an seine “japanischen Freunde” und versichert sie seiner “tiefen Scham darüber, wie sich große Teile der deutschen Öffentlichkeit angesichts dieser säkularen Katastrophe benehmen”.

Letztlich unternimmt Tichy genau das, was er einer atomkritischen Öffentlichkeit vorwirft: Er versucht, japanische Opfer für seine wirtschaftspolitische Sicht zu vereinahmen (“wir trauern mit Ihnen in anteilnehmender Stille”). Er macht sogar ein “WirtschaftsWoche-Kondolenzbuch” auf, in das sich Leser schweigend eintragen mögen, die seiner Argumentation folgen.

Diese Art von rechthaberischer “Kondolenz” haben sich die Opfer in Japan nicht gewünscht. Vermutlich im Gegensatz zu Roland Tichy habe ich einen japanischen Nachbarn, der direkt neben mir wohnt. Ich denke, der Chefredakteur der Wirtschaftswoche sollte sich bei ihm persönlich entschuldigen.

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