Google Street View: WLAN-Datensammler enttarnt

Von am 1. Mai 2012  

“Ingenieur Doe” bekommt einen Namen

Der “Schurken-Ingenieur”, der weitgehend im Alleingang die Affäre um die WLAN-Datensammlung durch Googles Street-View-Autos verschuldet haben soll, wurde durch einen Bericht der New York Times namhaft gemacht. Es handelt sich demnach um den hochkarätigen WLAN-Spezialisten Marius Milner, der seinen Beruf bei LinkedIn selbst als “Hacker” angibt. “Ich weiß mehr über WLAN, als ich eigentlich wissen will”, gibt er weiterhin zur Protokoll.

Die Zeitung beruft sich auf den gesprächigen Mitarbeiter einer Untersuchungsbehörde, der Milners Namen ausgeplaudert habe. Zuvor hatte die US-Telekomaufsicht FCC einen Bericht veröffentlicht, in dem Einzelheiten über die Arbeit des Google-Entwicklers geschwärzt waren. Google veröffentlichte inzwischen den vollständigen FCC-Bericht, in dem jedoch die Namen von Milner und anderen Personen unkenntlich blieben. Der Softwareentwickler wurde weiterhin nur “Ingenieur Doe” genannt.

Milner wurde schon vor Jahren als Programmierer des WLAN-Scanners NetStumbler bekannt. Die Software spürte WLANs auf und ermittelte detaillierte Informationen über die Access Points. Das Programm erfreute sich großer Beliebtheit in der Wardriving-Szene. Auf einem Windows-Notebook installiert, konnte es im Vorbeifahren WLANs erkennen und auch mit GPS kartografieren. Das Programm ließ sich sinnvoll einsetzen, etwa zum Aufspüren von Sicherheitslücken, aber natürlich auch aus ganz anderen Motiven.

Bei Google gehörte Milner eigentlich gar nicht zum Team der Street-View-Entwickler, war vielmehr seit November 2008 für YouTube tätig. Die Software für das Mitschneiden von WLAN-Daten, die einen weltweiten Datenschutzskandal heraufbeschwören sollte, soll er aus eigenen Antrieb geschrieben haben. Google überließ es seinen Entwicklern, 20 Prozent ihrer Arbeitszeit für Projekte aufzuwenden, die sie persönlich interessierten – und dem Untersuchungsbericht der FCC zufolge erstellte er das Programm in dieser Zeit.

Eigentlich sollten die Street-View-Fahrzeuge die öffentlich versandten Adressdaten von WLAN-Zugangspunkten erfassen für eine bessere Ortsbestimmung bei Google Maps oder anderen Diensten. Das war auch zuvor schon eine gängige und nicht rechtswidrige Praxis. Das darauf spezialisierte Unternehmen Skyhook Wireless lieferte solche Daten beispielsweise an Apple.

Googles weltweite Datenschutzaffäre löste aus, dass der Code auch für das Mitschneiden unverschlüsselter Daten offener WLAN-Netze sorgte. Beim Vorbeifahren fingen die Fahrzeuge auch E-Mails sowie Internet-Suchanfragen auf und speicherten sie. Als es bekannt wurde, stellte Google das lange als unabsichtlich und eine peinliche Panne dar.

Aus dem FCC-Bericht ging jetzt aber nach zweijähriger Untersuchung hervor, dass die Software mit genau der Absicht geschrieben wurde, WLAN-Daten zu sammeln. Milner hoffte angeblich, die Daten ließen sich nutzen, um die Google-Suche zu verbessern. Über Datenschutz machte sich der “Schurken-Ingenieur” offenbar nicht weiter Gedanken, da sich die Fahrzeuge nie lange nahe einzelnen Nutzern aufhielten.

Nicht eindeutig klären konnte die FCC-Untersuchung, in welchem Umfang Vorgesetzte und Kollegen bei Google über den Code und seine Funktionsweise Bescheid wussten. Der Softwareentwickler habe mit zwei Kollegen über den Code gesprochen, darunter einem Vorgesetzten. Die Funktionsweise des Programms wurde in einem Dokument erwähnt, das vielleicht gelesen wurde oder auch nicht. Entwickler berichteten der FCC, dass sie jederzeit Änderungen am Code vornehmen konnten, ohne vorher eine besondere Erlaubnis von Projektmanagern einzuholen.

Demnach hätte Googles Ingenieurskultur – erst machen und dann weitersehen – für den weltweiten Datenskandal gesorgt. “Das ist das Ingenieursdenken – erfasse die Daten und denke später über das Ausfiltern nach”, erklärt es IDC-Analyst Al Hilwa, selbst ein früherer Softwareentwickler und Manager. “Das ist die Denkweise von Ingenieuren, vor allem bei Google.”

Abbildung: Paul McCann / CC (Street-View-Fahrzeug von Google)

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • TwitThis