Was Steve Jobs sagt – und was er meint

Von am 14. September 2009  

Steve Jobs WWDC07Der Apple-CEO täuscht und trickst, wenn er über Apples Produkte spricht. Und erst recht, wenn es um die Konkurrenz geht.

Das jüngste Beispiel lieferte Jobs, als er in der letzten Woche unmittelbar nach dem Apple-Event dem mit Apple herzlich verbundenen Journalisten David Pogue von der New York Times ein Interview gewährte. Pogue durfte danach fragen, warum Apples Medienplayer Ipod touch nicht wie Ipod nano eine Kamera spendiert bekam – eine verbreitete Erwartung, die enttäuscht wurde.

„Wir brauchen keine neuen Sachen drin“

Steve Jobs versuchte es mit einer erwünschten Preissenkung zu erklären, um das Gerät noch besser als mobile Gaming-Maschine verkaufen zu können:

“Ursprünglich waren wir nicht so richtig sicher, wie wir den Touch vermarkten sollten. War es ein Iphone ohne das Phone? War es ein Taschencomputer? Es lief dann so, dass uns die Kunden sagten, dass sie es als Game-Maschine ansahen. Wir begannen es so zu vermarkten, und es hob einfach ab. Und was wir jetzt wirklich sehen, ist der Ipod touch als der günstigste Weg zum App Store. Wir konzentrierten uns daher darauf, den Preis auf 199 US-Dollar zu reduzieren. Wir brauchen keine neuen Sachen drin. Wir müssen den Preis so weit senken, dass das Gerät für jeden erschwinglich ist.“

Stimmt nicht. Wie sich inzwischen herausstellte, wurde im neuen Ipod touch exakt Platz gelassen für den Einbau zumindest einer Videokamera, wie sie tatsächlich im Ipod nano verbaut wurde. Das bestätigt offenbar die laufenden Berichte über die tatsächlich geplante Kamera. Apple soll sich jedoch in letzter Minute gegen sie entschieden haben, weil es gravierende Qualitätsprobleme gab.

Erste Tests der Kamera im Ipod nano ergaben tatsächlich – ganz im Gegensatz zu Apples vollmundigen Qualitätsverheißungen – eine deutlich schlechtere Qualität im Vergleich zu konkurrierenden Pocket-Camcordern wie dem Flip. Das hätte sich Apple beim wesentlich kostspieligeren Ipod touch schon gar nicht leisten können.

Könnte Apple so etwas jemals zugeben? Natürlich nicht, deswegen musste eben eine ganz andere Begründung her. Die Kamera aber wird kommen, früher oder später, vielleicht ohne besondere Ankündigung.

Ach ja, und da sind sogar noch mehr neue Sachen drin. Die Geräte-Zerleger von Ifixit entdeckten im neuen Ipod touch darüber hinaus einen Broadcom-Chip, der WLAN 802.11n sowie ein UKW-Radio unterstützt – allerdings ist die Software noch nicht dafür bereit. Da kann selbst das Iphone 3GS nicht mithalten.

Keine neuen Sachen drin? Steves PR-Spin hatte diesmal besonders kurze Beine.

„Wer will schon einen E-Book-Reader?“

Das klassische Beispiel für Jobs‘ Täuschungsmanöver war seine Behauptung, Apple habe nichts mit einem Video-Ipod am Hut. Er bestritt es 2004 vehement und stellte es als eine völlig absurde Vorstellung dar. Um ein Jahr später bei einer seiner Verkaufsveranstaltungen einen Video-Ipod als revolutionäre Weltneuheit zu präsentieren.

Ganz ähnlich könnte es sich bei E-Book-Readern entwickeln. Im Januar 2008 verdammte Steve Jobs die ganze Gerätegattung und prophezeite, aus Amazons Kindle werde niemals etwas werden:

„Es spielt keine Rolle, wie gut oder schlecht das Produkt ist. Tatsache ist, dass die Leute nicht mehr lesen. Vierzig Prozent der Leute in den USA lasen ein Buch oder weniger im letzten Jahr. Das ganze Konzept ist von vornherein falsch, weil die Leute nicht mehr lesen.“

Letzte Woche hörte sich das schon anders an, obwohl Jobs noch immer gegen Amazon ätzte. Auf die Frage, ob Jobs E-Book-Reader von Interesse finde, gab er an, Apple halte E-Books derzeit nicht für einen großen Markt. Schließlich sage Amazon nicht, wie viele Kindles verkauft wurden: „Wenn man etwas gut verkauft, dann neigt man gewöhnlich dazu, es jedem zu sagen.“

Auf keinen Fall kaufen, legt Jobs nahe mit diesem Statemant: „Ich bin sicher, dass es immer dedizierte Geräte für einen Zweck geben wird, und sie mögen ein paar Vorteile haben, indem sie nur das tun. Aber ich glaube, dass sich Vielzweck-Geräte durchsetzen werden. Ich nehme an, dass die Leute nicht bereit sind, Geld für ein dediziertes Gerät auszugeben.“

„Jobs sagt, Apple geht nicht ins E-Book-Geschäft – aber können wir ihm vertrauen?“ fragt der britische Guardian und verweist auf die bekannte Historie von Jobs‘ Täuschungen. Gute Frage und eine noch bessere Antwort:

„Aber eines ist sicher: Wenn Steve Jobs sagt, dass die Leute keine E-Book-Reader wollen, dann heißt das noch lange nicht, dass Apple nicht selber einen baut.“

(bk)

Zum Thema bei TecZilla:

Apple-Roundup: Der Tag danach

Zum Thema im Web:

Fortune

Ifixit

Guardian

Abbildung: acaben / CC (Steve Jobs)

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