William Gibson über Geschichten, Kultur und Markenbildung

Von am 18. August 2008  

„Cyberpunk“-Autor William Gibson ließ sich von Gert Scobel in einem 3sat-Interview kluge Einsichten entlocken. Und überrascht es, wie wenig ihm die von seinen Romanen inspirierten Matrix-Filme gefielen?

Einen Rohrkrepierer nannte er, was er in Matrix zu sehen bekam: „Eigentlich war ich sehr erleichtert, als ich den Film sah, weil ich darin mehr von Philip K. Dick als von William Gibson wiederfinden konnte. Falls tatsächlich etwas von mir darin enthalten gewesen ist, habe ich es ziemlich gut verdaut.“

Im Kino wäre also noch Platz für einen echten Neuromancer, meinte auch der Autor des gleichnamigen Romans, blieb aber eher skeptisch in Richtung Hollywood: „Hollywoods Preproduction-Deals sind ein sehr virtuelles Pflaster, und ich habe gelernt, mich nicht zu sehr über diese Dinge zu freuen, bevor niemand den Deal gemacht hat und grünes Licht gibt.“

Ganz besonders bemerkenswert fand ich ein paar hingeworfene Sätze Gibsons über Branding – und wie es die Gesellschaft prägt. Ausgerechnet diese klugen Aussagen wurden in den Transkripten von 3sat ausgelassen.

Da ich vor kurzem Gibsons Pattern Recocnition (deutsch: Mustererkennung gelesen hatte, standen für mich dieser Roman und seine Hauptfigur dahinter: Cayce Pollard, von Beruf so etwas wie „Coolhunter“. Sie ist allergisch gegen Logos, und genau deshalb eine hochbezahlte Spezialistin, die globale Firmen zu Logos und Branding berät. Aus ihrer Jagd nach den Urhebern viraler Videoclips entwickelt sich ein Thriller, der sie von London nach Tokio und Moskau hetzen lässt.

Nicht nur dieser Roman verrät, wie gründlich William Gibson über die Thematik nachgedacht hat. Die folgende Interview-Passage, die bei 3sat durch die Matrix fiel, beweist es.

Scobel: Hinter all der wissenschaftlichen Theorie, was antwortet Ihr Bauchgefühl Ihnen auf die Frage, woraus die Welt beschaffen ist? Wie stellen Sie sich das vor?

Gibson: Ich glaube, die menschliche Welt besteht aus Geschichten, und diese Geschichten beinhalten die Kultur. Wir haben keinen direkten Zugang zur physischen Welt, wir betreten sie vielmehr über die Schnittstelle der Kultur. Unsere Erfahrungen machen wir somit nicht mit der stofflichen Welt, sondern über das komplizierte System von bekannten Geschichten, die unser Verständnis der Welt beinhalten.

Scobel: Aber die Geschichten widersprechen sich häufig.

Gibson: Ja, sie widersprechen sich. Wir können unser Geschichtensortiment auch ändern. Das tun wir auch im Laufe unseres Lebens.

Scobel: Interessieren Sie sich deshalb so für Markennamen? In Ihren Büchern tauchen ja eine Menge von Marken auf, mit denen Sie quasi Kurzgeschichten erzählen. Sie nennen eine Marke, und das löst eine Geschichte aus.

Gibson: Ja, genau, Marken sind Geschichten. In meinem Werk verwende ich Marken hauptsächlich aus naturalistischen Gründen. Ich denke, dass man die moderne urbane Gesellschaft ohne diesen Vorgang der Markenbildung nicht hinreichend realistisch darstellen kann. Markenbildung und Marketing sind die beiden Schlüsselaktivitäten unserer Zeit. Früher haben wir noch Dinge in Fabriken hergestellt. Heute lassen wir alles in China und Vietnam von Leuten machen, die noch nicht ganz im postindustriellen Zeitalter angekommen sind. Aber hier bei uns werden sie praktisch nur noch gelabelt und umverpackt, die Produkte einer älteren Welt.

(bk)

3sat

Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • Facebook
  • Google Bookmarks
  • TwitThis